Projekt

 

Schrift. Druck. Papier: Werkstätten in Berlin.

 

„Der Buchdruck neigte dazu, die Sprache von einem Mittel der Wahrnehmung zu einer tragbaren Ware zu verändern. Der Buchdruck ist nicht nur eine Technologie, sondern selbst ein natürliches Vorkommen oder Rohmaterial wie Baumwolle oder Holz oder das Radio; und wie jedes Rohmaterial formt es nicht nur die persönlichen Sinnesverhältnisse, sondern auch die Muster gemeinschaftlicher Wechselwirkung.“ (Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy, 1962)

 

Wir sind keine Nostalgiker. Buchdruck und Bleisatz im 21. Jahrhundert haben weniger damit zu tun, sich die Hände schmutzig zu machen (obwohl auch das eine Erfahrung ist, die den „digital natives“ fehlt), sondern eher damit, überhaupt mal wieder etwas anzufassen, in die Hand zu nehmen. Es geht um eine grundsätzliche Erfahrung. Weißraum zwischen den Zeilen, also das Ungedruckte, ist ebenso erfahrbar wie die Buchstaben, die gesetzt und zu Zeilen zusammengefügt werden müssen. Und diese Buchstaben sind endlich: wenn es keine großen E’s mehr gibt, muss man entweder auf eine andere Schriftart ausweichen, auf eine andere Größe oder man muss sogar den Text neu formulieren. Das sind Sachzwänge, die sich nicht durch den Download einer weiteren App beheben lassen.

 

Das typografische System mit seinen Einheiten, Teilern und Vielfachen ist mehr als 500 Jahre alt und ausgereift. Es ist immer noch die Grundlage für jede typografische Gestaltung. Auch ein Webdesigner geht mit typografischen Punkten um wie der Bleisetzer seit hunderten von Jahren. Anstatt jedoch am Bildschirm mit Tastendruck flüchtige Pixel in den Äther zu schicken, muss man hier jeden Buchstaben, jedes Komma und jede Ziffer in die Hand nehmen, abwägen und einbauen. In einer Zeit, in der viele Kinder nicht mehr wissen, dass Milch von Kühen kommt und Äpfel auf Bäumen wachsen statt in Pappkartons, ist Drucken auch zu Fast Food verkommen. Eine Drucksache am Computer zu erstellen hat seine Entsprechung im Aufkochen von Tütensuppen.

 

Es gibt diesen magischen Moment: wenn man eine Druckform aus Blei, Stahl, Aluminium und Messing mit schmieriger Farbe einwalzt, ein weisses Blatt Papier nimmt, es einlegt, durch die Maschine dreht und dann wieder in die Hand nimmt. Schwarz auf weiß ist die Schrift zu lesen, genau da, wo sie sein sollte; kein Schmutz, kein Zwischenraum, kein Hintergrund. Kein Leser muss genau wissen, wie das geschieht, aber er fühlt, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Inhalt und seiner Form. Diese Form ist nicht das virtuelle Abbild einer Software, glatt und unendlich wandelbar. Sondern der unmittelbar erlebbare Ausdruck menschlichen Schaffens, das Ergebnis eines körperlichen Prozesses, der Wissen, Fertigkeit und Fleiß voraussetzt. Der Arbeitsvorgang steht der Botschaft nicht im Wege, er unterstreicht sie. Setzen und Drucken verlangen Anstrengung, wie das Denken, Schreiben und Lesen auch.

 

Die Menschen, die an unseren Workshops teilnehmen, haben oft ihr bisheriges Arbeitsleben vor Bildschirmen verbracht, entfremdet von den Wörtern, die sie in Szene setzen sollen. In einer Buchdruckwerkstatt müssen sie diese Wörter anfassen und mit dem Material arbeiten, das seit mehr als 500 Jahren Grundlage unserer schriftlichen Kultur ist. Das ist keine rückwärtsgewandte Freizeitgestaltung, sondern Besinnung auf das menschliche Maß, auf ein Handwerk, dessen Abläufe und Ergebnisse sichtbar und nachvollziehbar sind. Auch die Langsamkeit müssen wir neu lernen und die Tatsache, dass die Arbeit erst beendet ist, wenn ihre Spuren beseitigt sind. Keine Taste ersetzt das Aufräumen, Ablegen, Putzen. Der Umgang mit knappem Material schärft unsere Sinne für Nachhaltigkeit. Ohne Planung und Einsicht in einige unabänderliche mechanische Bedingungen gibt es kein Ergebnis.

 

Die Maschinen und Gerätschaften, die Schriftgießer, Setzer, Drucker und Buchbinder verwenden, mögen hundert und mehr Jahre alt sein. Sie werden noch weitere hundert Jahre funktionieren, wenn sie mit einfachen Mitteln erhalten werden. Die Menschen jedoch, die wissen, wie diese Geräte funktionieren, wie man sie wartet und repariert, diese Menschen gibt es bald nicht mehr. Noch können einige Fachleute ihr Wissen weitergeben, aber die letzte Generation, die ihr Handwerk noch vor dem Beginn des Computerzeitalters gelernt hat, ist schon lange im Rentenalter. Eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit, der Umgang mit Schrift als körperliche Manifestation von Kultur und Wissen, ist kurz davor, nur noch in Form musealer Gegenstände von Menschen bestaunt zu werden, die keine Beziehung mehr haben zur Bedeutung dieser Technik für die Menschheitsgeschichte.

 

Wir sind keine Bilderstürmer und keine Sozialromantiker. Wir sind Handwerker, Akademiker, Lehrer, Wissenschaftler, Autoren und Techniker. Wir wollen das Wissen um die Anwendung der vier Gewerbe Schriftherstellung, Satz, Druck und Buchbinderei erhalten, indem wir in wirklichen Werkstätten täglich Druckerzeugnisse herstellen. Unter herkömmlichen Produktionsbedingungen, wenn auch nicht unbedingt auf Gewinn abzielend. Dabei werden wir auch digitale Techniken einsetzen, wo immer sie angemessen sind, den analogen Prozess zu unterstützen. Wir arbeiten hier, in Berlin, mitten in der Stadt.

 

Zu den Maschinen, Schriften und Gerätschaften, die wir Partner im Laufe der Jahre zusammengetragen haben und die unter der Rubrik Maschinen aufgelistet sind, kommt die Werkstatt Rixdorfer Drucke. Sie befindet sich seit den 70er Jahren im Wendland und soll komplett in Berlin wieder aufgestellt und betrieben werden, als lebendiges Museum.

 

Erik Spiekermann

Berlin, im Oktober 2014